Produktbeschreibung Verwischte Spur einer verlorenen Generation Von Hartmanns schmalem Klavierwerk wurde bisher einzig die dokumentarische, unter dem Eindruck eines Todesmarschs aus dem KZ Dachau entstandene Sonate ‚27. April 1945’ gelegentlich aufgeführt und auch mehrfach eingespielt. Sie bildet den Höhe- und Schlusspunkt von Benedikt Koehlens Gesamteinspielung. Alle übrigen Stücke des Albums sind dem Frühwerk zwischen 1927 und 1932 zuzurechnen. Hartmann hat sie nicht in sein Werkverzeichnis von 1950 aufgenommen, ja, er hat sie sogar als eigenhändig vernichtet bezeichnet. Doch lange nach seinem Tod kamen sie in einem privaten Archiv wieder zum Vorschein. Es handelt sich um durchweg ergiebige Zeugnisse für Hartmanns künstlerische Selbstfindung in der Auseinandersetzung mit traditionellen Satztechniken, mit dem provokanten, „neusachlichen“ Zeitstil, unterwegs zur persönlichen Handschrift. Koehlen ist ein ausgewiesener Kenner der Klaviermusik aus dem ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts. In die perkussive, oft jazzige Aufsässigkeit des jungen Hartmann lebt er sich mit sicheren Händen und untrüglichen Ohren ein, arbeitet aber auch den für das spätere Werk charakteristischen Kontrast zwischen Kontemplation und Eruption heraus, zwischen dichtem Satz und dessen farbsinnlicher Aufsplitterung. Sämtliche Stücke erschließt Koehlen in ihren jäh wechselnden klanglichen Aggregatzuständen, ihrer oft nur mühsam strukturierten Rhapsodik so schlüssig und beredt, dass er sie mit geballter, auch differenzierender Energie dem Repertoire hinzugewinnt. Dort ist die biographisch angeregte zweite Sonate schon fast angelangt. Mit Zitaten etwa aus der „Internationalen“, dem Gewerkschaftslied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ und dem sowjetischen Kampflied „Partisanen vom Amur“ bekennt Hartmann in diesem Stück seine Solidarität mit den Opfern des Faschismus, insbesondere mit den vor seinen Augen gequälten KZ-Gefangenen. Viele Kommentare betrachten deshalb das viersätzige Werk einseitig als Programm-Musik. Doch Koehlen verliert sich in seinem nachdenklichen, aber auch scharf konturierten und sinnenfrohen Spiel niemals in derlei Betroffenheitspathos. In der Gegenüberstellung der beiden Fassungen des Finalsatzes dokumentiert der Pianist, wie Hartmann in seiner überwältigenden Einfallsfülle gleichsam in einem Atemzug zu ganz un-terschiedlichen Lösungen kam – wütender in der ersten, gebändigter in der zweiten Version. Ellen Kohlhaas, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.2007 Das bekannteste Klavierstück des 1963 verstorbenen Karl Amadeus Hartmann ist die Sonate 27. April 1945, skizziert an jenem Tag kurz vor Kriegsende, als er beobachten konnte, wie ein Elendszug von KZ-Häftlingen an seinem Haus vorbeigetrieben wurde. Die Komposition, ein erschütterndes zeitgeschichtliches Dokument, ist das letzte von Hartmanns Klavierwerken, die Benedikt Koehlen nun in höchst kompetenter Weise eingespielt hat. Aufschlussreich für Hartmanns Entwicklung sind die Frühwerke der 20er und 30er Jahre: Die beiden Suiten mit ihrer sensiblen Zweistimmigkeit, die jazzige Toccata und Fuge, der an Bartók und Strawinsky geschulte harte Zugriff in der Sonatine und der Sonate von 1936. Eine lohnende Entdeckung. Max Nyfffeler, Partituren 9/2007 |